Norwegen mit Nordkap

Als ich in Norwegen die erste Ortschaft nach der Grenze erreichte, war der 21. Juni 2015, doch es war dort absolut nichts los. Die haben dort nicht einmal einen Bancomaten zum Geld herauslassen.

Norwegen bot eine willkommene Abwechslung. Die Bäume wurden kleiner, der Wald wurde weniger dicht, bis er schliesslich am Meer nicht mehr vorhanden war. Richtung Alta fuhr ich in einem Tal. Links und rechtes hatte es Felsen, Schnee, Wasserfälle und sogar noch gefrorene Wasserfälle. Dann gab es eine schöne Abfahrt. Von den 300 müM auf etwa Meereshöhe ist es ja kaum ein nennenswerter Höhenunterschied, aber wenn man so lang viel kleinere Höhenunterschiede gewohnt ist, kommt einem das irgendwie grösser vor. Es gab dann auch noch einen Pass zum Überqueren. Auch das waren nur etwa 300 Meter Höhenunterschied, aber es kam einem auch grösser vor. Zumal die Strassen teilweise recht steil waren. Auf der Ebene oben bot sich wieder ein ganz anderer Anblick. Am Horizont hatte es viele Berge (bzw. Hügel), die immer noch vereinzelt schneebedeckt waren. Am folgenden Tag kam dann noch die Königsetappe zum Nordkap mit noch mehr Höhenmetern.

Das Fahren dem Meer entlang war zwar sehr schön, aber es hatte viele Steigungen und jegliche gemachte Höhe wurde auf der anderen Seite des Hügels gerade wieder durch eine Abfahrt zunichte gemacht. Es ging also hoch und runter, hoch und runter. Im Nordkapptunnelen war’s gerade umgekehrt. Dort ging’s zuerst runter und dann wieder hoch. Der Tunnel wurde Ende Neunziger Jahre eröffnet und macht die Fähre überflüssig. Er ist 7 km lang. Zuerst geht’s etwa die Hälfte mit 9% bzw. 10% Gefälle runter und dann die andere Hälfte wieder mit 9% bzw. 10% Steigung hoch.

Das Wetter hat noch einigermassen gut mitgespielt. Als ich am Nordkap ankam, habe ich die Sonne noch zwischen Wolken ab und zu gesehen. Ich war allerdings ziemlich erschöpft. Wer meine Kilometerstatistik angeschaut hat, der hat vielleicht bemerkt, dass ich eine Rekordtageskilometerleistung von 150 km vollbracht habe, um nach Norwegen zu gelangen. Am folgenden Tag waren es 120 km. Dann folgte die Etappe mit den Höhenmetern über den Pass. Und die letzte Etappe zum Nordkap gab noch mehr Höhenmeter.

Mein erstes Zwischenziel habe ich also erreicht. Nach knapp 40 Tagen und über 4000 km (genau genommen 38 Velotage mit einem Ruhetag und 4092 km) war ich am Nordkap. Doch was ist das Nordkap überhaupt? Einer könnte sagen, dass es der nördlichste Punkt von Europa ist. Doch das stimmt nicht, das wären nämlich die Spitzbergen. Ein anderer könnte sagen, dass es der nördlichste Punkt von Kontinentaleuropa ist, doch das stimmt auch nicht, weil das Nordkap auf einer Insel ist. Dann meint ein anderer, dass es aber wohl der nördlichste Punkt dieser Insel ist, doch das ist auch nicht wahr, denn der Knivskjellodden (Knivsjelodden) ist mit 71° 11′ 08“ N noch etwas nördlicher als das Nordkap mit 71° 10′ 21“ N. Nun warum ist denn das Nordkap so bekannt? Das Nordkap ist der nördlichste Punkt Europas, den man durchgehend per Strasse erreichen kann. Es waren dort schon Könige und andere berühmte Persönlichkeiten. Im 17. Jh. war der erste Tourist dort. Das Nordkap ist mit seiner Höhe und den Klippen auch ziemlich spektakulär, sodass dem namensgebenden Schiffskapitän auch das Nordkap aufgefallen ist (und nicht der flach ins Meer verlaufende Knivskjellodden). Das Nordkap zieht Leute aus der ganzen Welt an. Sie kommen mit dem Bus, Wohnmobil, Töff oder eben mit dem Velo. Zwischen Olderfjord und dem Nordkap kommt alles zusammen. Auf dieser Strecke muss man nämlich auch wieder zürck. D.h. dort sieht man am meisten Velofahrer: solche von Norwegen, Schweden und Finnland; solche die zum Nordkap fahren und solche die schon wieder retour fahren. Bemerkenswert ist, dass die Töfffahrer meist in Gruppen unterwegs sind und die Velofahrer sind oft alleine am Fahren.

Zurück zum 24.06.15: Der starke Wind am Nordkap brachte wohl das schlechte Wetter, denn bald sah man infolge Nebel fast nichts mehr. Die kleinen Häppchen des teuren Restaurants boten mir zu wenig Kalorien, also suchte ich ein Plätzchen für mein Zelt, um dann selber eine grosse Portion Hörndli zu kochen. Ich verliess das Areal, weil ich dachte, dass sie einen dort nach 1 Uhr (wenn Schluss ist) wegweisen, wenn man im Areal zeltet. Der Wind war stürmisch und um ein Pumphäuschen war ich etwas geschützt. Der Wind liess erst in der Nacht nach, als dafür Regen einsetzte. Am folgenden Tag war das Wetter schlecht. Ich verbrachte einen Ruhetag am Nordkap in der Hoffnung, dass das Wetter später besser würde. Doch das geschah nicht. Es war nichts mit der Mitternachtssonne am Nordkap. Ich wollte noch zum Knivskjellodden laufen, somit stellte ich mein nasses Zelt am Ausgangspunkt zu dieser Tour auf. Es stürmte und es war kalt. Eine Frau hatte wohl etwas Mitgefühl und brachte mir aus ihrem Wohnmobil zwei heisse Schokoladen und ein Gebäck. Das war für mich ein willkommenes „Bettmümpfeli“ nach meiner Kartoffelstockportion. Im Schlafsack verkroch ich mich tief und ich stellte mir vor, dass der Wind draussen weit weg ist. So konnte ich doch ein paar Stunden schlafen. Doch der Schlaf war auch diese Nacht wieder nicht so erholsam. Am folgenden Morgen war ich dann auch früh wach und es zeigte sich leider immer noch das gleiche Bild: Stockdicker Nebel. Ich entschloss mich, auf die Wanderung zum Knivskjellodden zu verzichten. Im Nebel sieht man nichts, die Schuhe sind bei diesen Verhältnissen innert Kürze komplett durchnässt und noch eine Nacht im Zelt war nicht so einladend. Also brach ich nach Honningsvag auf zu einer Herberge, um noch zwei Ruhetage zu verbringen. Nach 30 km war ich dort und ich konnte mein Material trocknen. Es war sehr komfortabel. Die hatten dort sogar eine Waschmaschine, wo ich zur Abwechslung die Wäsche wieder einmal richtig waschen konnte (anstelle der Handwäsche).

In der Herberge traf man dann auch wieder Leute, darunter natürlich auch Velofahrer. Den Deutschen Renter habe ich dann zufällig am herrlichen, grosszügigen Morgenbuffet wieder getroffen. Er hatte damals das Nordkap noch vor sich. Ich hatte auch noch mit einem Norweger eine interessante Unterhaltung. Er reiste mit dem Fahrrad durch ganz Norwegen und war nur ein Tag vor mir auf dem Nordkap. Das Zelt hatte er oben auf dem Nordkap im Areal aufgestellt und er wurde nicht weggeschickt. Einige Male ist er in der Nacht erwacht, aber nicht etwa wegen Wind oder Regen, sondern wegen der Sonne. Er hat sie während der Nacht immer wieder gesehen. Da war ich fast ein bisschen eifersüchtig. Wäre ich doch nur einen Tag früher dran gewesen. Dann hätte es auch mit der Wanderung geklappt. Hätte ich auf den Ruhetag in Kopenhagen verzichten sollen? Naja, ich glaube nicht. Sowas weiss man ja im Voraus nicht. Die einen haben eben Wetterglück und die anderen nicht.

Auch in Honningsvag hatte ich wieder kein Wetterglück. In beiden Nächten ging ich um Mitternacht zu einem Aussichtspunkt hinauf, doch die Mitternachtssonne versteckte sich hinter Wolken. Es war hell, aber die Mitternachtssonne habe ich nicht gesehen. Die zwei Tage vergingen extrem schnell und ich wollte eigentlich noch viel mehr erledigen. Etwas enttäuscht und leer brach ich dann Richtung Süden auf. Enttäuscht weil ich die Mitternachtssonne nicht gesehen habe und leer weil ich so lange auf das Nordkap fixiert war und ich nach dem erreichten Ziel gar noch nicht auf ein nächstes Ziel eingestellt habe. Dazu machte ich mir auch Sorgen um meine immer noch tauben Finger. Selbst diese drei Ruhetage haben keine Verbesserung diesbezüglich gebracht, obwohl ich doch keine Lenkergriffe in der Hand hatte und in einem grossen, bequemen Bett geschlafen habe.

Weiter Richtung Süden verliess ich bald wieder das Meer und man musste wieder etwas Höhe gewinnen. Die Wälder wurden wieder dichter.

Norwegen war teuer, doch man findet auch ab und zu preiswerte Eigenmarken-Produkte im Laden. Doch die Getreideriegel vom letzten Lidl in Mora sind mir ausgegangen. Die Snickers gab’s nicht im preiswerten Multipack. Somit wusste ich gar nicht so recht, wovon ich mich tagsüber unterwegs ernähren sollte. Die Biberli und die getrockneten (nicht frittierten) Bananen gab es ja schon in Deutschland nicht mehr. Ab dem nördlichen Schweden verschwanden dann auch die Getreideriegel aus den Ladenregalen. Also blieben noch die Nüsse. Ich fand eine Nussmischung mit getrockneten Früchten und von einem Italienischen Velofahrer erfuhr ich, dass er sich jeweils von Brot mit Fleisch und Käse ernährt hat. Auf einem Rast- und Pick-Nick-Platz wurde ich von einem Norweger an seinen Tisch eingeladen. Dort gab’s Tee mit Wasser aus den nahe gelegenen See und Sandwich-Brot mit Butter oder Margerine und Konfitüre. Das war sehr gut und es gab mir wieder Energie. Deshalb habe ich dann auch Brot und Honig gekauft.

Norwegen war schön. Touristisch kam es wohl auf meiner Route etwas zu kurz, aber was ich gesehen habe, hat mir gefallen.

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